Gabi, eine liebe Freundin, gab mir ihr Einverständnis, dass ich ihren Bericht ins Netz stelle, wie sie den Ausstieg bei den Zeugen Jehovas schaffte:

Es war das Übliche.

Ein ZJ geht "predigen", trifft einen Interessierten, sie vereinbaren weitere Termine, ein "Heimbibelstudium" wird begonnen. Irgendwann bekommen die Kinder dann jemanden, der mit ihnen spezielle, kindgerechte Publikationen betrachtet, damit sie alles leichter verstehen können. So war es bei uns.

Ich werde, des besseren Verständnisses wegen, die ZJ-speziellen Begriffe anfangs in "" "" setzen, wenn sie sich dann wiederholen, nicht mehr.

Meine Eltern lernten 1976 die "Wahrheit" kennen, in diesem Sommer besuchten wir Mädchen, meine beiden älteren Schwestern und ich, zum ersten Mal den Bezirkskongress in Frankfurt/M. Das war schon ein Erlebnis. Tausende von Menschen in einem ruhigen, fröhlichen und sehr friedlichen Zustand, alle auf dem Messegelände. Fremde Menschen, die einen sehr nett begrüßen, Bonbons anbieten usw. War schon recht ungewöhnlich.

In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal kein Weihnachten gefeiert. Aber tapfer wie wir sein wollten, haben wir der Verwandtschaft bescheinigt, dass uns das gar nichts ausmacht. Gefehlt hat es schon, aber so schlimm war es wirklich nicht.

Bei den ZJ wird viel über die Liebe gesprochen; die Liebe ist gewissermaßen die wichtigste Eigenschaft, die ein Christ hervorbringen sollte. Alles ist auf der Liebe aufgebaut, besonders der Glauben. Und das ist der Grund, warum ZJ alles tun, was die "Gesellschaft", die Organisation der ZJ, per Wachtturm vorschreibt. Denn: Aus Liebe hat Gott seinen Sohn geopfert, da werden wir doch auch das eine oder andere Opfer bringen können. Wer das oft genug hört, glaubt das und tut es.

Und darum brachten wir gerne das Opfer, auf Weihnachten, das ja eh ein "heidnisches" Fest ist, zu verzichten. Da war ich 9.

Im darauffolgenden April fiel dann mein Geburtstag zum ersten Mal aus, aber auch das war ein Opfer für Jehova, das ich gerne brachte.

Die "Schwester", die mit uns Mädchen studierte, gab sich alle Mühe, uns zu unterweisen, uns zu schulen und, vor allem, uns zu helfen, ein "persönliches Verhältnis zu Jehova" aufzubauen. Dieses persönliche Verhältnis zu Jehova, im Verbund mit der Liebe zu ihm und seinen Geboten, ist die Basis aller Dinge, für ZJ.

Ich erinnere mich an die Gewissensnöte, die ich ausgestanden habe, wenn ich mich nicht einwandfrei verhalten habe, zum Beispiel in der Pubertät, als die ersten sexuellen Regungen hochkamen. ZJ hatten damals das "Jugendbuch" (Mache deine Jugend zu einem Erfolg), das Pflichtlektüre für jeden jungen Menschen war.

Es wurden durchaus nützliche Tipps gegeben, zur Körperpflege, zur Kleidung, Erklärungen, was mit dem Körper passiert, wenn er sich entwickelt, aber es wurde auch nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass es in Gottes Augen eine Sünde ist, sich über Gebühr selber zu berühren oder zu masturbieren. (Ich erinnere mich, dass dieser Ausdruck unverhältnismäßig häufig benutzt wurde.) Unser Verhältnis zu Gott würde darunter leiden, wenn wir unseren Körper auf diese Weise missbrauchen, denn er ist ein heiliges Gefäß für den Dienst für Gott und soll als solcher nicht verunreinigt werden.

Ich habe Nächte unter Tränen im Gebet verbracht, weil ich mich so unwürdig fühlte, denn natürlich ließ es sich nicht immer vermeiden, dass Imaginationen entstanden, Träume, Wünsche, mitunter die Ansätze sexueller Handanlegungen.

Nun ja, als ich 14 war, ließ ich mich taufen. ZJ legen Wert darauf, dass die Jugendlichen warten bis sie 14 sind, denn ab dem Alter herrscht Religionsfreiheit und niemand kann behaupten, sie seien gezwungen worden. Dass durchaus Druck von Seiten der Familie und/oder der "Versammlung" ausgeübt wurde, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Es wird betont, dass nach der Taufe der Teufel besonderes Interesse daran hat, den neuen ZJ zum "Straucheln" zu bringen und deswegen jeder besonders gut auf sich und die "Brüder und Schwestern" aufpassen muss.
Das ist der Samen, der gelegt wird, der dann aufgeht und gedeiht und als Frucht die absolute Kontrolle hervorbringt.
Kontrolle sich selber, seinen Gedanken und Träumen, seinen Plänen und Wünschen gegenüber, Kontrolle in der Familie, im Freundeskreis ( der natürlich nur innerhalb der Versammlung sein sollte) und Kontrolle jedem einzelnen der Brüder und Schwestern gegenüber.

Denunziationen werden als "Sorge um die Brüder" deklariert. Denunziert werden alle angeblichen oder tatsächlichen Fehlverhalten, die ein anderer ZJ gesehen oder irgendwie mitbekommen hat.

Zum Bsp. hat meine Schwester, als sie 17 oder 18 war, einen Jungen in der Öffentlichkeit geküsst. Der Junge war kein ZJ.
Sie wurde gesehen und es wurde der "Ältestenschaft" mitgeteilt. Die Familie wurde von den "Hirten" besucht, es wurden mit meinen Eltern und meiner Schwester ernsthafte Gespräche geführt, sie musste geloben, so etwas nicht wieder zu tun.
Das war Versammlungsgespräch. Dabei war es nur ein Kuss.

Ein anderer Fall war, dass ein "Bruder", nach langer Abstinenz, wieder mit dem Rauchen anfing. Das wurde den Ältesten ebenfalls von einem besorgten Mitbruder zugetragen, der Raucher wurde zu verschiedenen Gesprächen gebeten und, weil er nicht aufhören wollte, wurde er letztendlich "ausgeschlossen".

Das Tragische daran ist, dass die Brüder und Schwestern ihre Kontrolle und Denunziationen im Bewusstsein vollziehen, der Versammlung einen großen Gefallen zu erweisen.

Wenn sich nämlich "Sauerteig" in der Versammlung befindet, besteht die Gefahr, dass die ganze Versammlung infiziert wird und "Gottes Geist nicht mehr fließen kann", und das gilt als absolute Katastrophe.

Kennt ihr den Witz, warum ZJ immer nachmittags heiraten?
Weil sie vormittags in der Schule sind.

Leider ist das nicht wirklich witzig, denn aufgrund des absoluten Sexverbotes, das sich natürlich nicht nur auf Sex beschränkt, denn es wird ungern gesehen, wenn ein junges Paar Körperkontakt hat, sich womöglich küsst oder umarmt, (Händchenhalten wird bei Verlobten toleriert), gehen ZJ in der Tat sehr, sehr früh eine Ehe ein, in der Regel mit dem ersten Freund überhaupt, denn der sexuelle Drang ist natürlich vorhanden, darf aber nur in der Ehe ausgelebt werden.

Ich selber war im April gerade 18 geworden, im September habe ich geheiratet.

Ich sollte davor erwähnen, dass ich die Realschule besucht habe und einen relativ schlechten Abschluss dort gemacht habe. Es wurde kein großer Wert darauf gelegt, dass ich eine Lehre absolviere, im Gegenteil, es wurde von der Bühne aus ( in der Versammlung) immer wieder darauf hingewiesen, dass gerade junge Menschen ihre "Zeit weise auskaufen" und den Pionierdienst aufnehmen sollten.
Pionier zu sein bedeutet, 1000 Stunden im Jahr predigen zu gehen, das entspricht ca. 90 Stunden im Monat.
Tja, das habe ich nach meinem Schulabschluss dann auch brav gemacht. Das war durchaus mit Ehre verbunden, denn Pioniere sind die Stütze der Versammlung.
Klar, wer 90 Stunden im Predigtdienst verbringt, den lieben langen Tag nur biblische Reden und Gespräche führt, kann halt nicht sündigen und bringt zudem noch neue Interessierte zur Versammlung.

Im September 1985 habe ich im zarten Alter von 18 Sommern einen 25jährigen geheiratet, der natürlich ebenfalls ZJ war.

Meine Mutter hatte mir halbherzig abgeraten, aber so etwas schürt ja nur den Widerspruchsgeist, bei mir sowieso.

Im Nachhinein interessant ist es für mich, zu konstatieren, was damals passiert ist. Der Mann, der künftig nur noch mit "ER" bezeichnet wird, hat vor der Hochzeit um mich geworben. Am Tag nach der Hochzeit hat ER von jetzt auf gleich jegliches Werbegebaren abgelegt. Will sagen, ER hat sich in nur noch sehr sporadischen Abständen geduscht, die Körperpflege ansich eher als Nebensache betrachtet, mich nicht mehr beim Predigen unterstützt, mir die gesamte Hausarbeit überlassen.

Ach ja: ich finde es erwähnenswert, dass ER mich vor unsere Hochzeit nicht in sein Haus ( Mietshaus) gelassen hat. Ein Pärchen, das noch unverheiratet ist, darf nicht alleine in einem Raum oder einer Wohnung sein, sonst wird sofort unmoralisches Verhalten vorausgesetzt. ( Soviel Vertrauen bringt die Versammlung den jungen Leuten entgegen). Das hat ER zum Anlass genommen, mir den Zutritt zu seinen Gemächern zu verwehren. Am Abend vor der Hochzeit, bevor ER mich heimbrachte, musste er kurz etwas aus seiner Wohnung holen und ich habe die Gunst der Stunde genutzt, aus dem geparkten Auto mal eben in die heiligen Räume zu spitzen.

Sehr alt, modriger Geruch, schmutzig, mehr habe ich indem Augenblick nicht gesehen.

Als ich dann am nächsten Abend, nach der wenig erheiternden "Feier" in mein neues Zuhause kam, hat mich fast der Schlag getroffen.

Keine Heizung, kein Warmwasser, kein richtiges Bad. Schimmel in den Wänden, Dreck, Unordnung.

Später fand ich dann auf dem Speicher unzählbare Mengen an leeren Schnapsflaschen Ich habe dann sehr bald erkannt, dass ER lieblos und unfähig ist, Liebe zu geben.

Nun ja, ich habe mich in mein Schicksal ergeben, bin eh pragmatisch veranlagt und habe dann das Beste aus meiner Situation gemacht und Kinder eingefordert.

Das erste kam im Juni '87 zur Welt. Ich war gerade 20.
Das zweite im April'89, das dritte im Mai '93.
Ich war die Mutter, ich hatte mich zu kümmern, was ich auch tat.

In der zweiten Schwangerschaft habe ich meinen Führerschein schnell noch gemacht, denn mit zwei Kindern hätte ich wohl keine Chance mehr dazu gehabt.
Ab diesem Zeitpunkt hat ER aufgehört, die Versammlungen zu besuchen, predigen ging er auch nicht mehr. Ich war natürlich weiterhin bestrebt, im Glauben treu zu bleiben, die Kinder im Glauben zu erziehen. ER hat mir ständig Steine in den Weg gelegt, den Jungen ermuntert, nicht zur Versammlung zu gehen, bei ihm zu bleiben. ER hat sich nicht so verhalten, wie es für einen ZJ angemessen gewesen wäre.
In dieser Zeit, die insgesamt 13 Jahre umfasste, hat ER sich teilweise gewalttätig den Kindern und mir gegenüber verhalten.
Einmal stritten wir, ich hielt dabei Johanna, die älteste, im Arm, sie war gerade ein Vierteljahr alt, da warf ER ein Nutellaglas nach mir, traf Johanna am Kopf, so dass sie eine Platzwunde erlitt und stark blutete.

Irgendwann, nachdem ER auch anfing, die Kinder vermehrt anzugreifen, begann ich, mich zu wehren. Ich lehne körperliche Gewalt ab, aber da erschien es mir nötig.
ER ließ es dann auch sehr schnell sein. Sobald ER merkte, dass ich nicht länger Willens war, mir alles gefallen zu lassen, wurde ER klein und ängstlich. Allerdings versuchte ER es dann auf die Tour, dass ER mich anklagte, ich würde ihn nicht als Haupt respektieren, hätte das ja nie getan und damit gegen Gott gesündigt. Ich wäre somit nicht besser als er.

Die Jahre zogen ins Land, die Kinder wurden größer, 1997 kauften wir ein Haus, in dem ich ein Jahr später einen Laden eröffnete. Den habe ich 6 Jahre lang betrieben. Bis auf 20 durfte ich von den Einnahmen nichts behalten. Ich hatte parallel dazu noch einen Putzjob, von dem ich ebenfalls bis auf 20 alles ihm geben musste. Angeblich hat er davon Rechnungen bezahlt, denn er war zu diesem Zeitpunkt schon arbeitslos.
Fakt ist aber, dass er jahrelang regelmäßig ein bis zweimal mit unserem Sohn und manchmal auch mit seinem Bruder in Urlaub gefahren ist.

Ich blieb mit den Mädchen zuhause. Ein richtiger Urlaub, mit Service und allem drum und dran, wurde mir nie zugestanden. Dafür war selbstverständlich kein Geld da.

Im Jahre 1996 hatte ich bereits Gespräche mit Ältesten geführt, weil ich mich von meinem Mann trennen wollte. Eine räumliche Trennung ist auch bei ZJ möglich, solange sie nicht, ohne biblischen Scheidungsgrund (Ehebruch), zur Scheidung führt.
Ich hatte eine Wohnung gefunden, hätte sie auch finanzieren können und er kam nur drauf, weil ich begonnen hatte, mein Zeug zu sortieren und auszumisten.
Auf Knien und unter Tränen hat er mich um eine letzte Chance gebeten, naja, ich habe sie ihm letztendlich gewährt und ich kann nur sagen, er hat sie definitiv nicht genutzt. Die Versammlung hat mir in diesen Jahren durchaus Respekt entgegengebracht, mich mit lieben Worten ermuntert, aber wirkliche Hilfe habe ich nicht erhalten, obwohl ich darum gebeten habe. Ein Ältester sagte mir mal, solange nicht beide Ehepartner zu ihm kämen, könne er gar nichts machen.
Aber da ER der Meinung war, es wäre doch alles bestens, wenn ich nur endlich anfinge, ihn als Haupt zu respektieren, fand er ein Gespräch für unnötig.
Viele in der Versammlung wussten über meine Ehe Bescheid, inklusive meine Eltern, aber es interessierte nicht, solange der äußere Schein gewahrt blieb.

Im November 2003 hielt das Glasauge Satans bei uns Einzug.
Ich bekam einen Internetzugang. Das war sehr aufregend.

So weltfremd, wie ich diese ganzen Jahre gelebt hatte, erschien mir nun alles völlig abstrakt.

Im Frühjahr 2004 schickte ein "Bruder" mir einen link mit dem Hinweis, hier könne ich Pionier machen. Das heißt, er bot mir eine Gelegenheit zum Predigen.
Der link führte witzigerweise in ein atheistisches Forum.
Ich habe dann erst mal eine Zeitlang nur gelesen, das Forumswesen war mir gänzlich unbekannt und ich kam erst mal gar nicht damit zurecht. Im März habe ich mich angemeldet, habe aber erst mal nur den chat genutzt und - natürlich gepredigt.
Ich habe sehr interessante Gespräche mit Usern geführt, über die Evolution und mir natürlich die ganze Zeit als "Predigtdienststunden" aufgeschrieben und in der Versammlung endlich mal wieder einen "Berichtszettel" abgeben können, denn durch den Laden war ich schon länger nicht in den Predigtdienst gekommen. Ich hatte, zugegebenermaßen, auch wenig Lust dazu. Aber online predigen ist schon was anderes.
Ich fand's eigentlich toll, aber einige User hatten so verdammt gute Argumente.

Ich habe dann in der Versammlung mehrmals einen Bruder aufgesucht, einen von der intelligenten Sorte, ein Physikstudent, um mir die Argumente von Usern erläutern zu lassen, Argumente, die das Alter der Menschheit betreffen, z.Bsp., denn laut ZJ ist die Menschheit erst 6000 Jahre alt, die Fundstücke sind aber erheblich älter.

So richtig schlüssig konnte mir der junge Bruder, der witzigerweise der Sohn des Bruders, der mir den Link geschickt hatte, ist, die Sache nicht erklären. Die Diskrepanz zwischen dem, was Ausgrabungen und Forschung zum Tageslicht bringen und dem, was die Bibel sagt, ist halt schon erheblich..

Andere, bösartige ZJ-Hasser, habens mir ganz schön gegeben. Einer davon hat mich später mal gefragt, ob er denn wenigstens eine Anteil daran hätte, dass ich die ZJ verlassen habe.
Aber deren Methoden sind eher dazu geeignet, meinen Widerspruchsgeist zu wecken.
Im April 2003 wurde meine eheliche Situation dann so unerträglich, dass ich IHM mitteilte, dass ich nicht länger willens sei, diese Farce von Ehe aufrecht zu erhalten und mich, sobald ich eine Wohnung gefunden hätte, von ihm trennen werde.

Da war das Geheule groß.
Ich könne ihm doch nicht alles zerstören, er brauche mich doch, er würde sich umbringen, wenn ich ihn verließe.

Habe ich erwähnt, dass er das Anno 85 schon mal sagte, als wir noch verlobt waren und ich ihm damals seinen Ring zurückgeben wollte, weil mir ziemlich klar war, dass eine Ehe mit ihm vielleicht doch nicht so das gelbe vom Ei wäre?
Damals habe ich ihm geglaubt und ihn aus Mitleid geheiratet.
Dieses Mal habe ich nur gesagt, bist ja alt genug, wirst schon wissen, was du tust.

Es erübrigt sich, hervorzuheben, dass er noch immer lebt und sich bester Gesundheit erfreut.

Das Problem war, dass wir das gemeinsame Haus hatten, daran bezahlten und kein Geld da war , um noch eine Wohnung zu finanzieren.
Ich habe zwar all die Jahre darauf bestanden, mein eigenes Konto zu führen, worauf die Kindergelder gezahlt wurden, aber diese Gelder waren natürlich fest im Budget verplant.
Und ihn einfach so auf den Raten sitzenlassen, wollte ich auch nicht.

Er hat mich dann überredet, noch solange bei ihm zu bleiben, bis wir einen Käufer für das Haus gefunden hätten und ich ließ mich breitschlagen.

Das war April 2003.

Und dann wurde es für mich richtig schlimm.

ER begann von jetzt auf gleich die Zusammenkünfte, die er 15 Jahre nicht besucht hatte, wieder ganz regelmäßig zu besuchen.

ER wurde wieder zum ZJ, festigte seine sehr, sehr losen Verbindungen zu den Brüdern und Schwestern, vor allem aber zu den Ältesten.
Und das Schönste, er erzählte jedem, der es wissen, oder auch nicht wissen wollte, was ich vorhatte.
Und schwuppsdiwupps war ich die Böse.

Ich erinnere mich, dass wir zur Versammlung fuhren, hineingingen und ER von einem der Ältesten mit diesem freundschaftlichen Schulterklopfen begrüßt wurde; das war jener bedeutsame und oft zitierte Tropfen, der das ebenso oft belästigte Fass zum Überlaufen brachte.

Meine Bemühungen all die Jahre waren nichts, gar nichts wert. Und er konnte die Sau rauslassen, nach 15 Jahren einen auf demütig machen und wurde mit offenen Armen wiederaufgenommen.

Nee, was zuviel ist, ist zuviel.

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich von dieser Organisation , dieser Heuchelei halten soll. Ich habe über viele Fragen nachgedacht, die in meinem Hirn, das endlich aufwachte, auftauchten. Die Diskussionen im Forum haben wirklich geholfen, und die Aussteigerseite, die man mir dort mal verlinkt hatte, war ebenfalls hilfreich. Wenn ich es auch damals noch abgestritten habe.

Im August 2003 habe ich mit meinen Eltern ein langes Gespräch geführt, habe versucht, ihnen meine Beweggründe zu erklären, habe ihre Tränen gesehen, habe mit einer meiner Schwestern gesprochen, die selber wegen "Unmoral" vor vielen Jahren schon mal ausgeschlossen war, aber zurückgekommen ist. Sie hatte noch das meiste Verständnis.

Noch im August habe ich dann einen Brief an einen Ältesten geschrieben, mit dem ich gut befreundet war, und habe erklärt, dass ich nach reiflicher Überlegung zu dem Entschluss gelangt bin, kein ZJ mehr sein zu wollen und mit sofortiger Wirkung die Gemeinschaft der ZJ verlasse. Sicherheitshalber habe ich noch bekräftigt, dass ich keine Gespräche darüber wünsche, sonst hätten sie am nächsten Tag bei mir auf der Matte gestanden, und das wäre vielleicht über meine Kräfte gegangen.

Meine beiden älteren Kinder waren sehr einverstanden mit meiner Handlungsweise, mussten sie doch nun auch nicht mehr in die Versammlung. Die Kleine jedoch hatte sehr gute Kontakte innerhalb der Versammlung, ihr Vater baute das jetzt noch aus, um sie dort zu halten, und sie fand das infolgedessen sehr schwierig, was ich getan hatte.

Unser Zusammenleben veränderte sich nicht, ich hatte schon seit 15 Jahren nicht mehr mit ihm in einem Zimmer geschlafen, hatte seit 11 Jahren mein eigenes Zimmer, wir lebten praktisch getrennt unter einem Dach.

Bis er sich eines Morgens bewogen fühlte, mich oben in meinem Zimmer aufzusuchen und zwangsweise eheliche Pflichten einzufordern.

Daraufhin war es mir scheißegal, ob er Schwierigkeiten haben würde, die Raten fürs Haus zu bezahlen oder nicht, und habe mir,so schnell es ging, eine Wohnung besorgt. Im Juli 2003 bin ich ausgezogen, eine Woche vor unserem 19. Hochzeitstag.

Im August habe ich die Scheidung eingereicht.

Und vor zwei Wochen wurde ich geschieden.

Ich habe alles Religiöse aus meinem Leben entfernt, will sagen, ich glaube nicht mehr daran, dass es einen Gott gibt, ich feiere keine religiösen Feste, und will mit dieser ganzen Thematik mein Leben nicht mehr belasten.
Allerdings habe ich noch zwei Bibeln und zwei ZJ-Bücher da, allerdings mehr, um bessere Antworten geben zu können.
Ich fühle mich sehr befreit und ich lebe in der Gewissheit, dass ich mein Verhalten nicht mehr ständig kontrollieren muss, denn Brüder könnten mich sehen oder es zugetragen bekommen, was ich tue.

Anfangs hatte ich Angst, der Blitz würde mich treffen oder mir würde als Strafe Gottes irgend etwas zustoßen.

Aber sieh da, nix ist passiert.

Ich bin Ende Mai umgezogen. Ich benötigte Abstand.

Hier haben die Kinder und ich bessere Möglichkeiten, gerade was die Schulen betrifft. Ich musste vorher jeden Tag 90 km fahren, um zur Abendschule gehen zu können, hier sind es hin und zurück gerade 20 km. Die Kinder müssen auch nicht mehr gefahren werden, es ist einfach alles besser. Außerdem kann ER jetzt nicht mehr einfach vor der Haustür stehen oder seinen Kopf ins Fenster des Kinderzimmers stecken, wie vorher ständig geschehen, weil wir nur eine Ortschaft weiter als ER und ebenerdig wohnten.

Jetzt ist eine Strecke von 190 km dazwischen.

Leider ist das Thema von meiner Seite aus noch nicht beendet.

Der Herr Ex-Gemahl hat vor einigen Monaten das alleinige Sorgerecht für die Kinder beantragt.

Die Begründung liegt ja nahe: Ich kümmere mich nicht ausreichend um die Kinder, weil ich den ganzen Tag am Computer sitze und zu Essen bekommen sie auch nicht genug. Außerdem unternehme ich nichts mit ihnen, während er mit ihnen regelmäßig schwimmen geht, sie zum Abenteuerspielplatz begleitet, er wird von der Versammlung zum Grillen eingeladen und nimmt die Kinder mit usw.usf.

Überhaupt das Essen:
Das ist in all seinen Schriftsätzen das Hauptthema! Ich koche unregelmäßig, ungenügend, ungesund ( weil ich ja nur vegetarisch koche). Die Kinder leiden Mangel.

Ich sollte erwähnen, dass er sich bereits im ersten Ehejahr auf über 120 kg hochgefressen hat, während ich mein Gewicht problemlos halte, trotz der Schwangerschaften.

Ich habe, auf Empfehlung einer Freundin, einen Anwalt, der spezialisiert ist auf Familienrecht. Ein sogenannter "scharfer Hund".

Das Sorgerechtsverfahren zieht sich jetzt schon ziemlich lang hin, vor 3,4 Wochen hatte ich eine Gutachterin hier, die sich schon vor einigen Jahren sehr intensiv mit ZJ und den damit verbundenen Problematiken auseinandergesetzt hat.

Sie hatte damals einen ähnlichen Fall zu begutachten und ist wohl auch aus dem Grund vom Gericht beauftragt worden.

Sie ist übrigens den ZJ gegenüber nicht positiv eingestellt.

Ich musste bereits zwei Mal aufs Jugendamt, zwei Mal wurden die Kinder von der Richterin befragt, zweimal wurden die Kinder und deren Eltern von der Gutachterin befragt, mindestens ein Mal müssen wir noch zu ihr in die Praxis, dann wieder zur Verhandlung.....argh.

Felix, der zweite, war im März von mir zu seinem Vater gezogen. Da hat er mir eine ziemliche Kröte zu schlucken gegeben.
Aber knappe 3 Monate später kam er geläutert zurück.
Er hatte sich mehr Freiheit erhofft, wundersame gemeinsame Unternehmungen erwartet, besseres Essen, aber seine Erwartungen wurden enttäuscht.

Sein Vater hatte unter der Woche eben auch nicht die freie Zeit, weil er eine Umschulung macht. Da saß das Kind nach der Schule gelangweilt vor der Glotze.
Zu Essen gab es Tiefkühlkost oder das, was eine liebevolle Schwester dem armen verlassenen Bruder gekocht und gebracht hatte.
Davon wollte Felix schon mal gar nichts.

Das kleine Mädchen, Monika, ist unstet, wenn sie befragt wird. Mal will sie bei ihm leben, weil er mehr mit ihr unternimmt, mal bei mir.

Monika hat sich jetzt mehrfach in der Richtung geäußert, dass sie beim Vater leben möchte, weil er ja sonst traurig ist. Außerdem habe ich ja noch die anderen Kinder, aber der Papa hat ja sonst nur den Hund und die Katze. Sie kann halt noch nicht überschauen, was es für sie bedeuten würde, in dieser bildungsfeindlichen Athmosphäre aufzuwachsen. Sie ist blitzgescheit und das würde alles verkümmern.

Ich kann nur auf die Erfahrung der Gutachterin vertrauen.

Nachtrag, ein halbes Jahr später:

Heute hat das Gericht seinen Beschuss verkündet, das Aufenthaltsbestimmungsrecht dem Kindsvater zuzusprechen.

er hatte kein extra-Gutachten. Die Gutachterin hatte ein "Familiengutachten" erstellt, unter dem Gesichtspunkt, wo die Kinder sich wohler fühlen.

Leider unter nichtberücksichtigung der Tatsache, dass wir hier im Oktober noch auf gepackten Kisten saßen, noch keine Küche hatten und alles noch nicht so lief.

Klar fühlten die Mädchen sich in dieser Zeit bei ihrem Vater, bzw. dem gewohnten Umfeld wohler.

Aber mittlerweile sind wir ein halbes Jahr weiter. Sie haben sich hier hervorragend eingelebt. Wir machen viel miteinander.

Eine der Begründungen der Richterin, warum sie ihm das Aufenthaltsbestimmungsrecht gibt, lautet:
" Dabei ist zu bedenken, dass die Kindesmutter auch die Betreuung der behinderten Tochter eingebunden ist. Demgegenüber ist es dem Vater derzeit möglich, sich während seiner Freizeit voll und ganz den Kindern zu widmen."

Ich muss die Mädchen heute für die Ostertage zu ihm bringen, und ich kann nur hoffen, er gibt sie mir am Sonntag wieder.

Er bringt es fertig und reißt sie hier mitten aus dem Schuljahr raus.

Mein Anwalt ist schon dran, eine Beschwerde, bzw. Einspruch, kombiniert mit dem Antrag auf eine einstweilige Verfügung an das Gericht zu schicken, dass die Kinder bis zum Schuljahresende hier bleiben dürfen.

es "ärgert" mich nicht, es bedrückt mich, denn wenn die Mädchen bei ihm wohnen müssen, ist das wie ein Rückschritt ins Mittelalter.

Keine selbstbestimmten Freizeitaktivitäten mehr, kein spontanes indieStadtgehen mehr, kein malebenzumBudchenlaufen mehr, keine außerschulischen AG's mehr ( die Tochter hat jetzt Musik und Bewegung, Computer-AG, Kochen, Handarbeit, Chor), das wird dort nicht angeboten, kein Besuch in der Sternwarte, keine Bibliotheksbesuche, nur immer Spielplatz und Schwimmbad.

Er plant ihren Tagesablauf so: ( Seine Worte, hat er vor Gericht auf Befragung so angegeben: Morgens vor der Schule fährt er sie zur Tagesmutter, die bringst sie dann zur Schule und holt sie dann auch wieder ab. Dort essen sie zu Mittag, erledigen ihre Hausaufgaben, spielen mit den Töchtern der Dame und werden gegen halb 5 von ihrem Vater abgeholt. Gegen viertel vor fünf sind sie dann zuhause.
Dann hat er alle Zeit der Welt, mit ihnen Dinge zu unternehmen.
In der Praxis sieht das so aus, dass sie außer den Mädchen der Tagesmutter kaum Sozialkontakte haben. Habe ich erwähnt, dass die Tagesmutter streng Katholisch ist?

Er hat mich gestern davon in Kenntnis gesetzt, dass er mir die Mädchen nicht am Sonntag zurückbringt, obwohl die Richterin das angeordnet hatte. Er hat sie am Donnerstag bereits bei der Gemeinde und den Schulen angemeldet. Er gibt ihnen keine Möglichkeit, sich von ihren Freundinnen und Lehrerinnen zu verabschieden, reißt sie mitten aus dem Schuljahr raus.

Als ich ihn fragte, ob das seiner Meinung nach dem Kindeswohl dient, meinte er, das spiele jetzt keine Rolle, Beschluss sei Beschluss.

Wir haben direkt am Mittwoch Beschwerde eingelegt und beantragt, dass die Kinder ihr Schuljahr erst mal hier beenden können.

Natürlich gehen wir in die nächste Instanz.

Was soll ich hier noch ändern, um dem Kindeswohl besser zu dienen?

Ich habe mein ganzes Leben auf die Kinder eingerichtet.

Er lässt mich nicht an die Kinder ran. Gewährt mir kein Umgangsrecht, gibt sie mir nicht an Telefon, lässt sie nicht mal zu ihrer Omi, die meine Mutter ist, weil er denkt, ich könnte dort Kontakt zu ihnen aufnehmen.

Ich bin nun in meiner Not letzten Donnerstag die 160 km dort runter gefahren, um sie in den Schulpausen zu sehen.

Die Tochter habe ich gesehen, war alles ziemlich tränenreich und dramatisch.

Sie sagte, so habe sie sich das nicht vorgestellt.

Den Sohn hat er aus dem Unterricht abholen lassen, damit ich sie nicht sehe.

Ich habe eine Tochter nach Schulschluss von der Bushaltestelle abgeholt, natürlich nicht, ohne dass die Tagesmutter eine Szene provozierte ( und es gab bereits in der Schule einen Aufruhr, weil die Klassenlehrerin Panik bekam und annahm, ich würde das Kind entführen wollen. Mein Anwalt wurde angerufen, die Anwälte der Schule, die Tagesmutter...
Dabei habe ich erfahren, dass der Kindsvater angegeben hat, allein sorgeberechtigt zu sein.

Meine Tochter und ich haben einen schönen Nachmittag verbracht, natürlich rief ihr Vater mich auch auf dem Handy an, um mich runterzusauen und zu befehlen, ihm SOFORT das Kind zu bringen, was ich natürlich nicht getan habe. Ich hatte in der Schule und gegenüber der Tagesmutter mehrfach erklärt, das Kind um 16 Uhr an seinen momentanen Wohnort zurückbringen zu wollen, dem Kindsvater sagte ich das auch nochmal und das habe ich dann auch getan.

Ich hatte erwartet, dort die Polizei vorzufinden, aber das hat er sich dann doch nicht getraut. Die hätten auch nichts gegen mich in der Hand gehabt.

Auch an Schule des Sohnes hat er sich als allein sorgeberechtigt dargestellt, bei der Tagesmutter sowieso.

Niemandem ist aufgefallen, dass er nur Seite 1 des Beschlusses ausgehändigt hat, auf der steht, dass ihm das Aufenthaltsbestimmungsrecht übertragen wurde. Nach Umgangsrecht und Sorgerecht fragte keiner.

Naja, die restlichen Seiten habe ich ihnen dann geschickt.

Der Lügner hat sich der Urkundenunterdrückung schuldig gemacht und bekommt dafür eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.

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