Eine Wallfahrt muss, um erfolgreich zu sein, ein Opfer darstellen. Deshalb ist für Transvestinger Gläubige der regelmäßige Kirchenbesuch in der örtlichen Wallfahrtskirche relativ wirkungslos. Also machte der Schuasta Schorschi am Stammtisch folgenden Vorschlag: "Mia miaßn amol a gscheide Wallfahrt macha."
Der Broadmoa Gust, der ja Allem, was der Schuasta Schoschi sagt, Zustimmung entgegen bringt, war natürlich auch dafür. Und weil zu so einer Wallfahrt ein klerikaler Führer für das Seelenheil der Pilger zuständig sein muss, sagt auch Pfarrer Lehner spontan seine Teilnahme an der Wallfahrt zu.
Bei der Auswahl des Zieles war man sich sehr schnell einig, man entschied, die neu errichtete virtuelle Wallfahrtsautobahn zu benützen und Bruder Tucks Kapelle als Ziel anzuvisieren. In relativ kurzer Zeit war ein illustrer Haufen bußbereiter Transvestinger beisammen, der sich dem Unternehmen anschlossen.

Folgende Mail kündigte die Reise an:

Hallo Bruder Tuck

Ich würde sehr gerne mit der Transvestinger Prominenz eine virtuelle Wallfahrt zu deiner Kapelle machen. Dazu muss ich mich natürlich bei dir einlesen, was aber gar nicht so leicht ist, bei der Fülle der Texte.

Inzwischen hab ich ja auch mitbekommen, dass du einen Küster hast, den würden wir natürlich gerne treffen.

Und hier mein Anliegen: Es gibt sicher noch mehr Leute, die bei dir beschäftigt sind (Haushälterin, usw), und die wir treffen können, damit Abwechslung in die Pilgerreise kommt. Davon habe ich aber auf deiner Seite beim kurzen Rundgang nichts gefunden. Kannst du mir einen Tipp geben, wo du den Küster (bei uns Mesner) und die anderen versteckt hältst?

Ich wünsche einen gesegneten Restsonntag

Gust aus Transvesting

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

Lieber Bruder Gust,

du willst gleich Prominenz in meine kleine Kapelle führen? Huch, außer dem Papst, dem Erzbischof von München-Freising, dem Abt von Scheyern und dem Tuckisten-General war noch niemand in meinem Kapellchen, der wirklich prominent ist. Soll ich von der Hausnonne Fasan aufdecken lassen oder lieber Gänseleberpastete? Trinken die Herren einen gewöhnlichen Zinfandel oder soll ich einen edleren Tropfen ausschenken lassen. Die Herren von der Toskana-Fraktion, falls sie mitkämen, was trinken die denn so?

Nun gut, du kannst mir ja noch die Details schreiben, obīs einen roten Teppich braucht, eine Ehrengarde oder sonst was. Erst einmal kurz die Antwort auf deine Fragen:

In meiner Kapelle arbeiten zwei Festangestellte:

Bruder Werner, der Küster hat in der Kapelle eine Sakristei. Seine Interessen divergieren zwischen Politik und Internet. Dazu schreibt er mir immer wieder (ziemlich häufig sogar) kleine Artikel, die du in der Sakristei einsehen kannst. Daneben gibt es noch einen Glöckner, der eigentlich aus der anarchistischen Ecke kommt, aber hier in meiner Kapelle "Duschgedichte" schreibt. Allerdings meldet er sich weit weniger häufig zu Wort als Bruder Werner. Anarchisten kennen auch da keine rechte Ordnung, will mir scheinen. Seine Duschpamphlete findest du in der Werkstatt.

Meine Hausnonne und mein Ministrant wirken nur im Hintergrund, sind sozusagen Familienangehörige und wollen in der Kapelle nicht in Erscheinung treten, was jeder verstehen kann, der im Licht der Öffentlichkeit steht.

Mit liebem Gruß erst einmal
Bruder Tuck, letzter Kapellendiener diesseits und jenseits des großen Linkozeans

Und so zog nun die Truppe los: Neben dem Broadmoa Gust, der immer mehr die Führung der ganzen Wallfahrt übernahm, dem Schuasta Schorschi und Pfarrer Lehner waren noch mit dabei:

  • Altbürgermeister Josef Hirsch, der als zweiter Vorstand des Männervereins quasi dabei sein musste, und der nach wie vor keine Gelegenheit auslässt, die Fäden der Gemeinde fest in seinen Händen zu halten
  • CSU-Vorsitzender Mümmelmann, dem zwar der Begriff Zinfandel wenig sagte, ihm aber jetzt bereits das Wasser im Mund zusammen laufen ließ
  • Bürgermeister Egon Sattler, der es sich nicht nehmen ließ, auch im norddeutschen Ausland mit Lederhose, Trachenjanker und Gamsbart zu reisen und somit einen recht exotischen Anblick hinterließ
  • Winnie Windelweich, der natürlich keine Gelegenheit ausläßt, die seiner politischen und beruflichen Karriere förderlich sein könnte
  • Die Schöne Kathi, die ohnehin ständig ihr Seelenheil im Blick hat
  • Stefan Ring, der schon als Kind Ministrant und als Jugendlicher im Pfarrgemeinderat war, jetzt aber als bekennender Sozi während der ganzen Wallfahrt aus Angst, er könne abfärben, ohne Gesprächspartner blieb.
  • Außerdem beschloss der Gemeinderat, die Wallfahrt als diesjährigen Gemeindeausflug zu deklarieren und nahm fast geschlossen teil
  • Der Versuch Teschtirps, seine Frau zwecks satirischer Auswertung zur Wallfahrt zu überreden, scheiterte an deren mangelden Masochismus

Nachdem der Broadmoa Gust mehrere Träger Bier aus seinem Depot und einem Batterie betriebenen Kühlschrank in den Bus stellte, ging die Reise los. Der wiederholte Versuch der schönen Kathi, die Pilger an den eigentlichen Zweck der Reise zu erinnern, scheiterte an der Bierseeligkeit, die sich relativ schnell nach Reiseantritt einstellte. Die Kathi kam aber doch noch zu ihrem Rosenkranz, als kurz vor dem Reiseziel folgender Schlagbaum den Weg versperrte.

Da die Spitze nicht nach oben stand (Der Küster hat nämlich schon in weiser Voraussicht, damit die Busse der Wallfahrer nicht nachher den ganzen Innenhof verstopfen, die Kapelle großräumig für Fahrzeuge aller Art abgesperrt) stieg man allgemein aus, drückte Winnie ein Kreuz in die Hand und wandelte schon leicht schwankend Rosenkranz betend zur Bruder Tucks Kapelle. In Folge der Kürze des Weges schaffte man nur einen der fünf Abschnitte eines Rosenkranzes, gab allerdings in der feierlichen Haltung ein würdiges Bild ab.

An der Pforte bereits empfing Bruder Tuck die Gesellschaft. Altbürgermeister Hirsch ließ es sich nicht nehmen, Bruder Tuck die Kopie einer Votivtafel als Gastgeschenk in die Hand zu drücken. Nachdem auch der Braodmoa Gust als Organisator, Pfarrer Lehner und Egon Sattler als aktueller Bürgermeister der Meinung waren, dass ihnen diese Aufgabe zugestanden hätte, erntete Hirsch die unwirschen Blicke der Ausgeboteten, die er allerdings in gewohnter Manier souverän ignorierte.

Winnie, den Bierkonsum noch nicht ganz so trainiert, lehnte sein Kreuz neben der Pforte in eine Ecke und hielt nach "Bunnies" Ausschau, entdeckte eine Busladung voller Lyzeumsmädchen und war seitdem nicht mehr gesehen. Inwieweit es den Englischen Fräuleins gelang, ihre Aufsichtspflicht zu erfüllen, bleibt im Dunkeln. Das Kreuz stand noch zwei Tage in der Ecke neben der Pforte, bevor es der Küster in den Kreuzgang stellte und damit allen zukünftigen Fragen zuvorkam, warum denn im Kreuzgang kein einziges Kreuz stehe.

Bruder Tuck verstand die menschlichen Bedürfnisse der Wallfahrer, die auf Grund der ausgelassenen Busfahrt in den Bänken auf ihren Hintern hin und her rutschten und hielt eine entsprechend kurze Andacht. Körperliche Erleichterung bot eine von Küster Bruder Werner in weiser Voraussicht installierte Internet-Toilette von Windoof.

Im Anschluss wurde unter Führung von Bruder Tuck die Kapelle und der daran anschließende Gebäudekomplex besichtigt.

An seiner Zelle wollte Bruder Tuck eigentlich ohne weitere Erläuterungen schnell vorbeihuschen, rechnete aber nicht damit, dass der Schorschi trotz eingeschränkter Sinne die Hausnonne am Herd erblickte. Die Reaktion Bruder Tucks auf die derb bayerische Anmache Schorschis verriet den Menschenkennern unter den Pilgern, dass es Bruder Tuck mit dem Zölibat doch nicht ganz so ernst nehme. Der Frust Schorschis äußerte sich im Anschluss darin, dass er meinte, "Wos wui a denn da Tuck, de knackigste is aa nimma, de Haushälterin." Die letzten Zweifel wurden übrigens dadurch beseitigt, dass ein als Ministrant verkleideter Junge zu Tuck und der Hausnonne "Mama" und "Papa" sagte. Stefan Ring sah seine Theorie darin bestätigt, dass Ministranten durch Zellteilung entstünden, weil nämlich in dem Fall eine Nonne mit einem Bruder die Zelle teile.

In der Bibliothek gab es nur alte Schinken zu besichtigen. Bücher, die aus den Regalen genommen wurden, enthielten heilige Bilder, was aber der ausgelassenen Stimmung der Truppe keineswegs entgegen kam. Wenn es schon keine Bücher gebe, die der augenblicklichen Gemütslage entsprachen, hätte man eigentlich schöne Romane erwartet, aber es waren Bücher weder von Ganghofer, noch Rosegger oder Anzengruber zu finden. So verloren die Pilger an der Bibliothek rasch ihr Interesse.

In der Werkstatt war der Glöckner Quasimodo beschäftigt: Lehrer Mümmelmann, jeglicher körperlicher Arbeit völlig entwöhnt, meinte, "Des is a scheene Arbat, do kannt i stundenlang zuaschaung." Stefan Ring hätte sich zwar für die frechen Duschgedichte des verwachsenen Glöckners interessiert, wurde aber von der Gruppe weitergezogen. Zurück blieb die schöne Kathi, die sich mit Quasimodo darüber unterhielt, wie wichtig das Glockengeläut für den Glauben sei. Als das Fehlen der Kathi bemerkt wurde, meinte der Gust, dass er beiden gegenseitig die Freude gönne.

Der Kapitelsaal schien der Pilgergruppe für eine anständige Feier wie geschaffen. Bruder Tuck wollte den Ort der Besinnung aber nicht für derartige profane Zwecke entweihen lassen. "Etzt samma scho amol von dahoam fuat, etzt wos so griabig waar, lass mas kracha: Du moanst glatt i geh wegam Betn af Wallfahrt, du spinnst wohl, du Bruada, du folscha." Als Pfarrer Lehner einen bösen Blick in Richtung Rufer warf, zupfte ihn Egon Sattler am Ärmel und raunte ihm zu: "Laßn'S'n einfach Herr Pfarrer, dahoam hod er aa nix zum Song."

In der Sakristei stieß man wieder auf den Küster Bruder Werner. Und hier konnte endlich Josef Hirsch seinen ganzen angestauten Groll zur Sprache bringen. Er stellte den Küster zur Rede, was er denn über die CDU-Vorsitzende Merkel geschrieben habe. Als Bruder Werner den Mund öffnete, um sich zu verteidigen, wandte Hirsch die aus dem Gemeinderat bewährte Taktik an: "Dazu ist jetzt keine Zeit, wir müssen die Führung weiter machen. Und außerdem", drehte er sich zum verblüfften Küster nochmals um, "hat die Angela Merkel im Internet eine Miss-Wahl gewonnen, sie wurde zur Miss gewählt, zur Miss-Griff."

Eigentlich erwartete Bruder Tuck, dass sein Bericht, wonach es auf dem Friedhof mitunter Totenerscheinungen gebe, Schaudern errege. Der Schorschi meinte aber nur lapidar, und Mümmelmann pflichtete ihm bei, "Des kenn i, wenn ich nachts noch sechs, siem Maß vom Wirt am Friedhof vorbei hoam geh."

Der Kräutergarten, Bruder Tucks ganzer Stolz, war für alle eine riesige Enttäuschung: "Do waxt ja bloß Unkraut."

Etwas angesäuert lud Bruder Tuck abschließend die Pilgergruppe in den Gästetrakt zum Festmahl ein. Und hier tischete die als Hausnonne fungierende Zölibatesse Tucks nach alten Rezepten der Kochschwester Pomfritta auf. Was aufgetischt wurde, ob es sich nun um Fasan, Wild oder Gänsleberpastete handelte, interessierte wenig und auf die Frage, was man zu trinken wünsche fragte der Broadmoa Gust nur: "Kennst du mei Lieblingsgetränk? - Viel! Hahaha." Und so tischte Tuck vom schier unbegrenzten Vorrat des Zinfandel auf.

Kurz vor der Heimfahrt fällt den Pilgern noch der eigentliche Grund der Reise ein. Man geht noch schnell in die Kirche, steckt eine Kerze auf, lässt in den Opferstock eine großzügige Spende fallen (man weiß, dass man damit dem Herren die größte Freude macht), auf eine Beichte verzichtet man aus Zeitgründen. Schließlich ist Transvesting ein viel wirkungsvollerer Wallfahrtsort und da könne man die christlichen Pflichten viel besser erledigen als in dieser komischen Kapelle. Für einen sehnsuchtsvollen Blick nach oben ist aber noch Zeit.

Sattler, Hirsch und Lehner laden Tuck noch schnell auf einen Gegenbesuch in Transvesting ein, dann eilt man zum Bus, in dem sich wunderbarer Weise auch wieder Winnie eingefunden hat (die englischen Fräulein sind mit ihren Mädchen vor Kurzem abgefahren) und tritt die Heimreise an.

Als der Bus hinter den Hügeln verschwindet, sieht man Bruder Tuck ein Kreuz machen. Es ist aber nicht geklärt ob aus Frömmigkeit, oder aus Erleichterung, die Gruppe auf dem Heimweg zu wissen.

Auf der Heimreise stellt man fest, dass man leider ohne jegliche Devotionalien ist, weil "es in der komischn Kapelln ned amol an Papst im Muschlrahma oda a Heilignbuidl zum kaffa gibt." Nach Winnies Gesicht zu urteilen, war er bei den "Bunnies" nicht gerade erfolgreich, und "A Bier hods bei de Preißn no nia ned a gscheids gem, oba, des muaß ma dem Tuck lassn, da Messwein hod gschmeckt." Nur Kathi, zu deren größten Glück normalerweise das Beten eines Rosenkranzes gehört, ist auf ihre Kosten gekommen. Kathi hat ein seeliges Lächeln auf den Lippen und besteht nicht mehr darauf, dass der begonnene Rosenkranz zu Ende gebetet werden müsse. Hoffentlich bringt Tuck beim Gegenbesuch den Glöckner mit ...

Und nun schildert Bruder Tuck von Bruder Tucks Kapelle schildert, wie er die Pilgerreise der Transvestinger Wallfahrtsgruppe erlebte:

20. Mai Anno Domini 2003

Brrrr, brummt mir der Schädel. Irgendwie ist alles ein wenig verschoben, mit der Wahrnehmung, meine ich. Nachdem die letzten Wochen hier nicht einmal ein Geisbock umgefallen ist, gibtīs heut viel zu berichten. Ich hatte nämlich Wallfahrer zu Gast. Wallfahrer sind ja immer was Furchtbares. Z. B. die Wallfahrt nach Santiago, die ist ja im Mittelalter dafür bekannt gewesen, dass da mehr Huren und Strauchdiebe als fromme Wanderer unterwegs waren. Wallfahrer sind wirklich mit Vorsicht zu genießen, ich sagīs euch. Einmal Wallfahrer im Haus und ihr könnt renovieren. Aber lasst euch berichten! Eigentlich fing alles ganz harmlos an - mit einer E-Mail-Anfrage aus Transvesting in Bayern.

Ich kann euch gar nicht sagen, in welche Entzückung mich die Mail versetzte! Die erste größere Wallfahrt zu meiner Kapelle. Wichtige Leute, Prominenz in meinem kleinen Kapellchen. Und so schrieb ich de ehrwürdigen Brüdern aus Transvesting gleich mein JA zurück.

Mei, hätte ich mir die Einladung doch besser überlegt. Ich wusst ja nicht, wer da alles mitkommt! Heute kenne ich halb Transvesting: z. B. den Broadmoa Gust, den Schuasta Schorschi, den Pfarrer Lehner, den Altbürgermeister Hirsch, den Sattler Egon, den Winnie Windelweich, den Ring Stefan, die Mitglieder des katholischen Männervereins und viele andere ... Himmel hilf!

Als sie in Transvesting loszogen, warīs ja noch ein ordentliches Bild (siehe Beginn dieses Eintrags), aber wie sie dann vor der Kapelle ankamen: eine wilde Horde von Bierdimpfeln! Nix mit Rosenkranzbeten oder so. Der Broadmoa Gust hatte mehrere Träger Bier in den Wallfahrerbus verbracht und statt Rosenkranzperlen zählten die seligen Pilger leere Bierflaschen, die sie ins Tragerl zurückstellten. Vor der Kapelle, wo ich auf die fromme Gesellschaft wartete, drückten die Transvestinger dem Winnie Windelweich ein Kreuz in die Hand, mit dem er schwankend auf mich zu wankte. Als er dann eine Gruppe Gymnasiastinnen, die mit der Mutter Oberin von den Englischen Fräuleins gerade die Kapelle besichtigen wollten, erspähte, übergab er das Kreuz dem Altbürgermeister Hirsch und schlich den blonden Gören nach ...

Kaum hatte ich die ersten Begrüßungsworte gesprochen, zwangen mich die heiligen Scharen aus Transvesting, einen Schluck ihres Dorfbiers zu mir zu nehmen. "Des is heiligs Manna, Bruada Tuck", klopfte mir Bruder Schuasta Schorschi auf den Rücken und köpfte gleich mal eine zweite Flasche für mich. Man will ja nicht unhöflich sein und so trank ich auf das Wohl der bayerischen Gemeinde.

Schon bald allerdings merkte ich, dass die Pilger weniger die Frömmigkeit als die Neugier an die heilige Stätte des noch heiligeren Bertram von Stullenbrot trieb. "Na, wo hosd denn dei Weih? Brauchst as ned vastecka!" Unbedingt musste ich also meine Hausnonne vorstellen, was den Schorschi zu der Äußerung veranlasste: "Wos wui a denn da Tuck, de knackigste is aa nimma, de Haushälterin." Mir gefror das Blut in den Adern. Und als er dann noch den Ministranten über den Hof laufen sah und meinte, da sähe man es wieder, Kinder entstünden durch Zellteilung von Nonnen und Mönchen, konnte ich mich nicht mehr beherrschen und verdonnerte die gesamte Busbelegschaft zur Beichte. Das hinderte sie aber anschließend nicht, fröhlich weiter zu sündigen. Der Kapitelsaal schien den Pilgern geeignet, sich richtig gehen zu lassen. "Etzt samma scho amol von dahoam fuat, etzt wos so griabig waar, lass mas kracha: Du moanst glatt i geh wegam Betn af Wallfahrt, du spinnst wohl, du Bruada, du folscha", meldete sich der Ring Stefan zu Wort und sprach damit allen aus der Seele.

Wie von Zauberhand war plötzlich ein Fässchen im Saal, aus der Sakristei die edelsten Kelche bereitgestellt (ich habe meinen Küster im Verdacht!) und der Gerstensaft eingeschenkt. Ob ich wollte oder nicht: Ich musste mitbechern und mitsingen. Welch alberne Lieder! Eine Polonaise aus Blankenese und irgendwas mit 99 Luftballons und über sieben Brücken musst du kotzen ... ach, ich weiß gar nicht mehr, was für seltsame Lieder die mich singen lehrten, die laut Pfarrer Lehner (wer weiß, wo der Knabe seine Theologie studiert hat) allesamt vom Kirchenmusikamt approbiert seien. "Neues geistliches Liedgut, Herr Kollege: Haben Sie noch nichts davon gehört?" Nee, davon hatte ich noch nichts gehört, dass sich die Kirche weiterentwickelt und mit der Zeit geht. Nee, das war mir völlig neu. Ich bleibe bei meinem geliebten gregorianischen Choral.

Was soll ich noch erzählen? Nachdem die Sauf- und Pilgertruppe einen Großteil ihres neuen geistlichen Liedgutes hinterlassen hatte, das Fass bis auf den letzten Tropfen leer war und ich mehrmals versucht hatte, eine kurze Andacht vor dem Gnadenbild in der Kapelle zu halten, entschloss man sich seitens der Wallfahrer wieder aufzubrechen. Irgendeiner meinte noch beim Abschied zum Broadmoa Gust: "Des muaß ma dem Tuck lassn, da Messwein hod gschmeckt." Komisch: Ich hatte meinen Zinfandel überhaupt nicht auftragen lassen ... Oder doch? Könnte es sein, dass sich einige der Pilger zum Keller vorgetastet hatten? Ich werde nachsehen müssen ...

Auch an mir ist die Wallfahrt der Transvestinger nicht spurlos vorübergegangen: "Wieso hast du denn dein Zingulum um den Hals gelegt? fragte mich meine Hausnonne erstaunt, als der Bus gerade losfuhr und sie zum Winken herbeieilte. "Und dein blaues Auge? Was ist denn da passiert?" "Keine Ahnung, meine Liebste, muss wohl eine Vision gewesen sein, die mir ins Auge fiel oder sowas von der Art ..."

Jedenfalls habe ich mir geschworen, dass ich mit Wallfahrten in Zukunft vorsichtiger bin. In Zukunft geht sowas nicht mehr ohne die polizeilichen Führungszeugnisse der Teilnehmer. Ich will nicht die Moral in der Kapelle untergraben lassen und das Inventar soll heil bleiben, musste ich doch feststellen, dass die Madonnenfigur in der Seitennische des Kapitelsaals ("Muttergottes von den sieben heiligen Unterröcken") beim Anblick der Transvestinger Wallfahrer einen schwärzlichen Ausschlag bekam. Grässlich anzusehen. Ein Bild des Jammers. Fast wie eine weinende Madonna.

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